Und es hat "knacks gemacht"
Bühne, 30.05.2011, Jens Diksen, DerWesten
Moers. Fabian Lettow und das Kainkollektiv bringen Leben und Leiden der Fitzgeralds in die Kapelle des Moerser Schlosstheaters: „Der Knacks“ zeigt das Auspowern als Durchdrehen auf hohem Niveau – mit zwangsläufigem Absturz. Selbst Bert Brecht, der es wie kaum ein zweiter deutscher Schriftsteller seiner Zeit verstand, sich auf die Mechanismen der Society-Welt einzulassen, hat sich daran nie auch nur die Finger verbrannt. Bei seinem US-amerikanischen Kollegen F. Scott Fitzgerald (1896-1940), der die Gesellschaft seiner Zeit kaum weniger durchdrungen hat als Brecht, muss man dagegen von einem Sprengsatz reden, der auf allen Seiten glühte.
Nun detoniert er stückweise in der Kapelle des Moerser Schlosstheaters. Die Szenencollage „Der Knacks“ umkreist Fitzgerald und seine kongeniale Frau Zelda, zunächst auf dem Höhepunkt der Jazz-Ära, deren Chronisten und Glamour-Helden sie zugleich waren. Scott und Zelda ergeben sich mit Leib und Seele, mit Champagner, Partys und Bucherfolgen einem Zeitgeist, der sich schon damals in turbokapitalistischer Überbietungslogik erschöpfte. Das alles spielen Patrick Dollas und Katja Stockhausen so intensiv, dass in der kleinen Friedhofskapelle für knapp zwei Stunden die große Welt in der Luft liegt – und ihre erlittene Durchdringung zwischen den Zeilen. Das vibriert.
Der atemlose Jazz vom Band dazu ist nur Illustration, aber die meditativen Kontrapunkte von den Klaviertasten geben dem Knacks, der wieder und wieder kommt wie ein chronisches Leiden der Welt, ein Echo. Und das hallt nach. Die Videoprojektionen dieser Inszenierung, woanders oft Schnickschnack, sind auch so ein Echoraum, und erlauben hier und das gar Distanz im Humor.
Suche nach dem Geld
Fabian Lettow hat dieses Stück aus Fitzgerald-Werken und Essays von Gilles Deleuze zusammengestellt, die Theatergruppe Kainkollektiv hat es zusammen mit dem Mülheimer Ringlokschuppen und dem Schlosstheater produziert. Die Suche nach dem verschwundenen Geld (alles schon mal dagewesen!), das ja nicht weg ist, sondern nur in anderen Taschen, mündet in den Gräbern: Der Außenraum rund um die Kapelle wird genauso sinnfällig bespielt wie deren Empore, da ist keine Spur von manieriertem Theater-ganz-anders im Spiel.
Am Ende gibt es einen Schnitt, der radikaler ist als jeder Knacks, den man bis dahin erlebt hat. Vorhänge gehen beiseite, die sonst verhängten Fenster der Kapelle lassen gleißendes Licht herein. Der frühe Tod? Oder gibt es einen anderen Weg, weg vom Knacks? Fragen für den Heimweg. Der Beifall der Uraufführung war groß und lebhaft.
Marshmallow-Geruch und Absinth-Cocktails
Scott und Zelda Fitzgeralds Zusammenbruch
Von Dietmar Zimmermann für „Theater Pur“ (8. Juni 2011)
Bankrott! - Die Gier nach Geld, die Angst vor dem Bankrott, die Ursachen und Wirkungen der Finanzkrise standen im Fokus der zu Ende gehenden Saison im Schlosstheater Moers. Unter dem ironischen, aber immerhin der vorläufigen Rettung des Theaters geschuldeten Motto „Schöne Aussichten“ beleuchteten die Moerser ihr Thema mit einem Crowley-Monolog, mit einer sehr eigenen „Kirschgarten“-Version, einem hochnotkomischen Sloterdijk-Kommentar zu Molières „Geizigem“ und einer kapitalismuskritischen Banker-Collage. Aber den wahren Bankrott, den endgültigen Niedergang hat sich das Theater für das Saisonende aufbewahrt. Und sich damit zu einem neuen Gipfel seiner kreativen Schauspielkunst aufgeschwungen.
Nur ganz nebenbei geht es hier um den finanziellen Bankrott des Ehepaares Francis Scott und Zelda Fitzgerald. Der war zwar die logische Folge des zwanghaften – wohl auch lustvollen – Mithaltenmüssens und –wollens mit den Ausgeflipptheiten, dem exzessiven Lebensstil der High Society, aber vor allem ging er einher mit dem emotionalen Bankrott, dem finalen nervlichen Zusammenbruch, den der autobiographische Essay des Paares auf sprachlich elegante, aber auch aufwühlende Art und Weise dokumentiert. Die Fitzgeralds waren ein höchst erfolgreiches Society-Couple, Chronisten und begeisterte Mitspieler der Roaring Twenties in den USA, die 1929 mit dem Großen Knall, dem Zusammenbruch der Börsen und der Weltwirtschaftskrise, endeten. Zelda, die manchem seriösen Zeitgenossen nur als typisches „Flapper Girl“ galt, die aber nicht nur Scotts Muse, sondern in vielen Fällen seine Co-Autorin oder gar die tatsächliche Autorin der unter seinem Namen veröffentlichten Kurzgeschichten war, begab sich 1930 in eine Nervenheilanstalt; in einer solchen starb sie als unglückliches Opfer eines Feuers im Frühjahr 1948. – Zu diesem Zeitpunkt war ihr Mann bereits seit mehr als sieben Jahren tot; seine Depressionen und seine Alkoholsucht hatten ihn im Alter von 44 Jahren dahingerafft.
Noch haben wir an diesem ungewöhnlichen Abend in der Kapelle an der Rheinberger Straße resp. im Mülheimer Ringlokschuppen keinen Schauspieler live agieren sehen, da hat uns die Aufführung schon gepackt. Patrick Dollas „will nicht“: Er will nicht raus zu uns, nicht vor den sensationsgierigen, unterhaltungssüchtigen Zuschauern spielen. Unbarmherzig bannt die Kamera sein Sträuben auf die Leinwand. „Bist du müde?“, fragt Katja Stockhausen, diagnostiziert seine Augenringe, seine Angst, angeblickt zu werden. Und schon sind wir mittendrin in der Tragödie um den „Knacks“, um den Burnout, dem diese Aufführung szenisch nachspürt und der das verzweifelt lebenshungrige Paar so früh scheitern lässt. Das Komödiantische der Eingangsszene ist denn auch schnell verpufft, bricht sich im Verlaufe der Aufführung nur noch selten Bahn. Ungeheuer intensiv vermitteln uns die beiden Protagonisten die Nöte ihrer Figuren - in den Close-ups auf der Leinwand, aber vor allem, wenn sie uns in dem kleinen, nur ca. 40 Zuschauer fassenden Kirchenraum auf die Pelle rücken. Katja Stockhausens Zelda klettert über das Geländer der Hochsitze, auf denen die meisten der Zuschauer Platz finden, und stammelt depressive Textfetzen, während Scott völlig verstört Bilanz zieht, vergeblich einen Ausweg aus seiner Krise suchend: „Die Zahlen meines Lebens stimmen plötzlich nicht mehr…“ – Aber die Aufführung geht nicht zeitlich linear vor, in Rückblicken kehrt sie immer wieder zu den glücklichen Society-Jahren des Paares zurück.
Glücklich? Ja, wir hören die Jazz- und Swing-Rhythmen der 20er Jahre, wir sehen Scott und Zelda tanzend, in wilder Ekstase, Zelda mit aggressiver Erotik; der Alkohol fließt in Strömen. Doch in der Ekstase wirken die beiden nicht ausgelassen oder übermütig; es ist eher ein fiebriges Betäuben, eine Flucht vor der Verzweiflung, ein Feiern bis zur Bewusstlosigkeit, besser: bis zur geplanten Ausschaltung des Bewusstseins. Die rauschartige Wirkung von Marshmallow-Geruch und Absinth-Cocktails, die Zelda beschwört, legt sich über die Szene, erfasst auch uns Zuschauer, aber stets bleiben wir uns der zerstörerischen Wirkung auch der ausschweifenden, scheinbar glückhaften Partys bewusst: „Trinken und Tennis und Trinken und Tennis – lieber Gott, mach, dass meine Tochter nicht durch diese Hölle muss!“, wird Stockhausens längst kaputte Zelda später einmal beten. Es ist eine suggestive Sprache, kunstvoll, elegant und voller Pathos, in der die Fitzgeralds uns von ihrem Zusammenbruch erzählen, zugegebenermaßen nicht so unprätentiös wie von ihren Short Stories gewohnt, aber Dollas und Stockhausen, die in Fabian Lettows Regie weit über sich hinauswachsen, vermeiden jeglichen Anflug von Manierismus oder Kitsch. Mirjam Schmucks Pianoklänge kontrapunktieren in den Depressionsphasen die heißen Jazz-Rhythmen der aufgeladenen Party Time; perfekt ausgesteuerte Mikrofone verstärken die Wirkung der Sprache und dieser hochassoziativen Aufführung, die nicht nur jeden Winkel der kleinen Kapelle bespielt, sondern deren Enge sprengt, draußen in den Park geht, auf den alten Friedhof, wo sich Zelda an die Grabsteine schmiegt, die Scott und Zelda so früh beschieden sein sollten und die das konsequente Ziel ihres Horrortrips durch Jazz Age, Wirtschaftskrise und drohende Weltkriege, durch Alkoholismus und Verschwendungssucht, durch große Liebesbeziehungen und gnadenlose Vernichtungskämpfe waren. - Wer will, kann Parallelen ziehen zu den Verführungen und Gefahren unserer heutigen Zeit, ihrer Oberflächlichkeit und ihrer turbokapitalistisch-zerstörerischen Erfolgsorientierung. Man kann aber auch einfach überwältigt nach Hause gehen und wieder mal einen Fitzgerald aus dem Bücherregal ziehen.